Ein Autonomes Zentrum wäre im östlichen Ruhrgebiet im Allgemeinen und Dortmund im Speziellen, sowohl aus kultureller, als auch aus politischer Sicht, dringend nötig. Auch würde es dazu beitragen, der erstarkenden Neonazi-Szene etwas entgegen zu setzen. Der Aufruf des AK Freiraum für den 19.4. kann jedoch nicht die Grundlage eines autonomen Zentrums darstellen.

Der AK Freiraum sieht sich als Teil globaler Widerstandsbewegungen gegen die Herrschenden. Es gehe darum, nicht tatenlos zuzusehen, wie sich ‚Kapitalisten‘ „die Stadt aneignen“. Der Erfolg scheint gewiss, denn ‚die Herrschenden‘ „fürchten“ sich im Weltbild des AK Freiraum vor der „Selbstorganisation von politischen Gruppen und sozialen Bewegungen“. Eine derartige personalisierende Kapitalismuskritik zeugt nicht nur von einer völlig falschen Analyse der herrschenden Verhältnisse, sondern ist auch extrem gefährlich.
Die Struktur des Kapitalismus zwingt den Individuen, wollen sie in der Gesellschaft bestehen, gewisse Handlungen auf. FabrikbesitzerInnen, PolitikerInnen, ManagerInnen, ArbeiterInnen und Hart-IV-EmpfängerInnen sind daher im Prinzip beliebig austauschbar. Deshalb schrieb auch schon Marx: “Zur Vermeidung möglicher Mißverständnisse ein Wort. Die Gestalten von Kapitalist und Grundeigentümer zeichne ich keineswegs in rosigem Licht. Aber es handelt sich hier um die Personen nur, soweit sie die Personifikation ökonomischer Kategorien sind, Träger von bestimmten Klassenverhältnissen und Interessen. Weniger als jeder andere kann mein Standpunkt […] den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, sosehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag.“ Natürlich gibt es auch gewisse Spielräume, eine Firma kann sich durchaus entscheiden keine Geschäfte mit einem antisemtischen Diktatur zu machen, dies sind jedoch Ausnahmefälle.
Ein derartiges Weltverständnis, in dem eine kleine Gruppe die Fäden in den Händen hält, ist zudem strukturell antisemitisch. Natürlich ist eine personalisierende Kritik nicht gleich Antisemitismus, strukturell antisemitisch bedeutet, dass die ihr zu Grunde liegenden Erklärungsmuster Parallelen zu denen des Antisemitismus aufweisen. Wird erst einmal davon ausgegangen, dass eine eingrenzbare Gruppe die Welt beherrscht, ist deren Betitelung leicht austauschbar, so macht es hinsichtlich der Denkmuster keinen Unterschied, ob man von den Herrschenden, den USA oder eben den Juden spricht.
Die Ignoranz des AK Freiraum gegenüber Theorie und Kritik der bürgerlichen Gesellschaft zeigt sich auch an anderen Stellen. So wird z. B. moniert, dass Freiheit im Kapitalismus nur wirtschaftlich interpretiert werde. Die bürgerliche Freiheit ist aber nun einmal lediglich die Freiheit des Privateigentums, des Warenverkehrs. Ein emanzipatorischer Freiheitsbegriff ist also nicht bloß die Einlösung eines vermeintlich nicht umgesetzten bürgerlichen, sondern muss Selbstverwirklichung und Individualität neu denken.
Die Intention des AK Freiraum mag prinzipiell die richtige sein, aber eine falsche Analyse führt leicht auch zur falschen Praxis. So ist es kein Wunder, dass sich im Aufruf darüber gewundert wird, dass die ‚Neuen Sozialen Bewegungen‘ in den Kapitalismus integriert wurden. Zum Einen stellt sich die Frage, ob diese Bewegungen jemals ein systemüberwindendes Potential im positiven Sinn – im Gegensatz zu einer negativen Systemüberwindung, wie dem Nationalsozialismus oder Islamismus – hatten oder vielmehr einen Beitrag zur Modernisierung des Kapitalismus darstellen. Gerade am Beispiel Umweltschutz lässt sich dies verdeutlichen: Zwar ist dem Kapitalverhältnis Destruktivität gegen Mensch und Natur immanent, aber es muss dieser, um des eigenen Fortbestehens willen, auch Grenzen setzen. Zum Anderen führt eine unzureichende Analyse des Kapitalismus eben dazu, sich in seinem Rahmen zu bewegen und letztlich in ihm aufzugehen, anstatt seine Grundkategorien, wie Wert, Tausch und Lohnarbeit, anzugreifen.
Auch ein Autonomes Zentrum bleibt letztendlich im Kapitalismus verhangen. Es muss sich seinen Gesetzen unterordnen und ‚kapitalistisch wirtschaften‘. Das Bier mag zwar 50 Cent statt 2 Euro kosten, Warenform hat es damit immer noch. Auch ist ein Autonomes Zentrum immer auf Tolerierung durch den Staat angewiesen, agiert also in dem von ihm gewährten Rahmen. Ebenso schafft es bestenfalls einen goldenen Käfig innerhalb der repressiven Gesellschaft, steht jedoch nicht außerhalb von ihr. Es spricht natürlich nichts dagegen sich eine günstige Miete zu erkämpfen o.Ä. , dabei handelt es sich jedoch letztlich um einen Verteilungskampf innerhalb des Kapitalismus und nicht um einen revolutionären Akt. Es bietet weder ein richtiges Leben im Falschen, noch einen Freiraum. Was es allerdings bietet, ist eine Basis für politische Aktivität und persönliche Entwicklung und deshalb ist es dringend nötig!

Gegen verkürzte Kritik!
Für ein autonomes Zentrum!

Kommunistische Gruppe Bochum (ex – Rote Antifa Bochum | roteantifabochum@safe-mail.net)